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DIE NACHT DER DEUTSCHEN

7. November 2014 — by Ruth Hoffmann0

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Niemals hätte Harald Jäger es für möglich gehalten, dass ausgerechnet er am 9. November 1989 zum Untergang der DDR beitragen würde – jenem Staat, dem er sein Leben lang gedient hatte, an den er glaubte, den er liebte, allen Ungereimtheiten zum Trotz, die auch ihm nicht entgangen waren. Zu diesem Zeitpunkt ist der 46-Jährige seit 25 Jahren beim Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und mittlerweile Oberstleutnant. Als stellvertretender Leiter der Grenzübergangsstelle Bornholmer Straße trägt er jedoch als Tarnung die Uniform der Volksarmee. Er soll bei der Passkontrolle „operative Erkenntnisse über feindlich-negative Kräfte“ gewinnen, von denen es, wie Jäger weiß, gerade hier im Künstlerviertel Prenzlauer Berg allzu viele gibt.

DIKTATUR IN BEDRÄNGNIS

Das SED-Regime steht seit Wochen unter Druck. Zehntausende sind bereits in den Westen geflohen. Kürzlich ließ die Parteiführung gar einen ganzen Zug voller Republikflüchtlinge aus Prag die Grenze passieren – in Jägers Augen eine Ungeheuerlichkeit: Wie soll er die geforderte Kampfmoral seiner Männer aufrechterhalten, wenn Kriminelle einfach so ausreisen dürfen? Schließlich gilt an den Übergängen zugleich erhöhte Alarmbereitschaft. Auch heute erwartet ihn wieder eine 24-Stunden-Schicht.

Der Tag vergeht ohne besondere Vorkommnisse. Bis um 19 Uhr Politbüromitglied Günter Schabowski am Ende einer Pressekonferenz fahrig und stotternd verkündet, dass ein neues Gesetz künftig „Privatreisen“ in den Westen erlaube; Genehmigungen würden kurzfristig ausgestellt. Jäger sitzt in der Kantinenbaracke vor dem Fernseher und traut weder Augen noch Ohren. Ja, hört er Schabowski sagen, das trete nach seiner Kenntnis „sofort, unverzüglich“ in Kraft. Jäger stürzt ins Büro, greift zum Telefon. Was nun zu tun sei, will er von seinem Vorgesetzten wissen. Nichts, lautet die Antwort. Wenn Leute kommen, schick sie zurück.

EINE EIGENMÄCHTIGE ENTSCHEIDUNG

Unterdessen laufen Schabowskis Äußerungen über die Agenturen, Millionen Bürger haben sie live verfolgt. Schon eine Viertelstunde später stehen die ersten an der Bornholmer Straße, um 20.30 Uhr stauen sich dort bereits Tausende. Vergeblich wartet Jäger auf Befehle seiner Dienststelle. Die Menschen rücken näher, die Absperrgitter biegen sich unter dem Ansturm. Die Lautesten rüberlassen, aber nicht wieder rein, heißt es schließlich aus der Stasi-Zentrale in der Normannenstraße.

Doch die „Ventillösung“ beruhigt die Lage nur vorübergehend: Bald drängen die auf kaltem Wege Ausgebürgerten zurück in den Osten, während der Druck auf der anderen Seite ebenfalls minütlich zunimmt. Es ist 23.30 Uhr. Noch immer keine klaren Worte von oben. „Macht den Schlagbaum auf!“, brüllt Jäger schließlich. „Wir fluten jetzt“, lautet die Meldung an die Zentrale. Es ist die letzte in dieser Nacht der Nächte. Was dann kommt, ist Geschichte. Und ein Kodak Moment für die Deutschen – auf Zelluloid und in den Herzen.

Ruth Hoffmann

Ruth Hoffmann

Ruth Hoffmann arbeitet als freie Journalistin in Hamburg u.a. für den Stern, PM-History und den Deutschlandfunk. 2012 erschien ihr Buch „Stasi-Kinder. Aufwachsen im Überwachungsstaat“ – über die Kinder hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter.

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