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EIN BLAUWAL, ZUM GREIFEN NAH

6. Oktober 2014 — by Christian Haas0

Stories

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„Wir sind hier nicht im Sea Life“, ...

… warnte uns Juan, als wir am Sandstrand von San Augustinillo zu ihm ins kleine Motorboot stiegen. „Die Natur hält sich nicht an Besichtigungszeiten.“ Und tatsächlich schien sich auf der „Walautobahn“ an der mexikanischen Pazifikküste heute überhaupt nichts zu regen. Kein Tümmler, kein Grauwal, kein Orca.

Derweil hätte die Sicht nicht besser sein können: Es herrschte glatteste See, kein Wind, kein anderes Boot weit und breit. Nach zwei Stunden erfolgloser Irrfahrt sanken unsere Köpfe immer weiter nach unten, bis die ersten Mitfahrer einzunicken drohten. Doch dann plötzlich ein Knacken im Funkgerät, Juans Kollegen meldeten Aktivität. Die Aufregung in Juans Stimme überträgt sich schnell auf uns, der Kurs wird korrigiert, das Gas aufgedreht. Und dann steigt plötzlich keine 20 Meter von uns entfernt ein langer Buckel aus dem Wasser. Wow!

SO GROSS, SO ELEGAN

Als das imposante Wesen dann ganz nah am Boot auftaucht, gibt es kein Halten mehr. Alle acht Mitfahrer springen auf und zücken die Kamera – für ihren #kodakmoment. Und es gibt auch keinen Zweifel mehr. Die charakteristischen zwei Nasenlöcher, die sehr flache Schnauze, die Barten, der helle Bauch: Hier grüßt – wenngleich mit seinen rund 15 Metern Körperlänge noch in einem eher pubertären Stadium – das größte Lebewesen, das es auf der Welt gibt (und je gab). Und das in keinem Sea Life-Aquarium zu halten wäre. Wie gebannt starren wir auf das vermutlich rund 100 Tonnen schwere Säugetier. Würde es unter unser Boot tauchen, könnte es das vermutlich locker wegschleudern. Aber Angst hat deswegen keiner von uns. Im Gegenteil: Am liebsten würde man noch näher hin. Manche strecken instinktiv den Arm aus. Wie zu einer Umarmung.

DER MIT DEN SCHILDKRÖTEN SCHWIMMT

Die Hochstimmung bleibt auch nach diesem magischen Moment erhalten, als sich, fast so, als wäre eine Art Siesta für alle Meeresbewohner beendet, kurze Zeit weitere Tiere zeigen: Ein prächtiger Mantarochen „winkt“ mit seinen meterlangen Flossen, des Weiteren kreuzen fliegende Fische und fliegende Meeresvögel die Bahn. Über Letztere erzählt Juans mitfahrender Bruder Antonio, dass diese für ihre Beutejagd sogar kilometerweit aufs Meer hinausfliegen. „Und wenn sie nicht mehr können, machen sie kurz Rast auf dem Rücken einer Meeresschildkröte.“ Was zuerst wie ein Witz klingt, entpuppt sich schnell als Fakt – und als wären sie bestellt, dümpeln plötzlich überall vor sich hindösende Wasserschildkröten im Meer herum. Nur der Panzer der bis zu eineinhalb Meter langen Tiere ragt aus dem Wasser raus. Die anmutigen Meerbewohner lassen sich nicht mal stören, als mehrere Leute aus unserem Boot ins Wasser gleiten und ganz nah an sie heranschwimmen. Was alle empfinden: Große Dankbarkeit, dass die Natur heute so großzügige Besichtigungszeiten für uns ermöglichte.

Christian Haas

Christian Haas

Christian Haas lebt als freier Reisejournalist in München. Seine Texte erscheinen u.a. in der Süddeutschen Zeitung, Abenteuer und Reisen und bei Merian.

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