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FSJ in Indien: Land und Leute hautnah erlebt

14. Juli 2015 — by Janina Benz1

AllgemeinStories

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Mit Sack und Pack ist Zoe im vergangen August nach Indien gereist. Ein Jahr lang wollte sie ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) in einer christlichen Schule verbringen. Durch ihren Blog erfuhr ich von Ihren Erlebnissen. Vor kurzem ist Zoe wieder in Stuttgart angekommen, sie hat nach 6 Monaten ihr FSJ abgebrochen. Da ich selbst noch nie in Indien war, habe ich sie gebeten, mir zu erzählen, was sie erlebt hat und wie sie das Land der tausend Gewürze erlebt hat.

Janina: Hi Zoe, warum hast du dich für ein Freiwilliges Soziales Jahr in Indien entschieden?

Zoe: Indien hat mich schon immer sehr interessiert. Wir haben viel in der Schule über Indien gesprochen, in Englisch, Geographie, Religion, etc. Mir war schon früh klar, dass ich mir eines Tages selbst ein Bild davon machen möchte. Mich hat die kulturelle Vielseitigkeit interessiert.

Ich wollte schon immer verstehen, wie es sich mit der Stellung der Frau in Indien verhält und habe viel darüber gelesen. Das hat mein Interesse für Land und Kultur geweckt.

Entscheidend war nicht das Land, sondern das Projekt, als ich mich für ein FSJ im Rahmen des WELTWÄRTS–Programms entschieden habe. Ich war in einem Blindenheim für Kinder von 4 bis ca. 13 Jahren in Assam, also im Nordosten von Indien. Das Heim wird geleitet von Nonnen und es wird durch den Verein GIPP (German Indien Partnership Program) aus Deutschland mitfinanziert

Zwei Frauen in Indien auf dem Heimweg von ihrem Einkauf
Zwei Frauen in Indien auf dem Heimweg von ihrem Einkauf

Janina: Was ist dir so durch den Kopf gegangen, als du in Indien angekommen bist?

Zoe: Anfangs habe ich mich oft gefragt: Wie können Menschen einem nur aufgrund anderer Kultur und Sprache so fremd sein? Ich habe mich wie ein Außenseiter gefühlt – und anfangs ist man natürlich auch oft in Fettnäpfchen getreten, einfach aufgrund anderen Sitten und Gebräuchen, wodurch oft dieses Gefühl verstärkt wurde. Es ist nicht so, dass ich mich nicht willkommen gefühlt habe, doch man hat zum ersten Mal erlebt, wie man sich als Ausländer in einem anderen Land fühlt. Ich habe ziemlich lange gebraucht, um die indische Kultur, wenn auch nur ansatzweise, zu verstehen.

Man macht sich einfach über sehr viele Dinge Gedanken, die einem auffallen, wenn es auch nur ganz normale Dinge im Alltag sind. Man hat einfach ein viel feineres Gespür, Dinge in der Gesellschaft zu entdecken. Das andere Essen und Essverhalten, die Sprache, das Klima, sogar das Autofahren. Ich habe zum Beispiel anfangs ewig nach einer Art System gesucht, warum und wann auf der Straße gehupt wird. Aber ich kenne bis heute keine Antwort.

Ob mit Kamel oder Motorrad - der Verkehr in Indien ist gewöhnungsbedürftig
Ob mit Kamel oder Motorrad – der Verkehr in Indien ist gewöhnungsbedürftig

Janina:  Wie hast du Land und Leute empfunden im Bezug auf deine Sorgen, Ängste und Erwartungen?

Zoe:  Was immer eine große Sorge von mir war, dass ich die Sprache oder besser gesagt das Englisch nicht verstehen würde, und so wars auch. Ich habe am Anfang immer gedacht, das kann doch kein Englisch sein, was die da sprechen?! Hinzu kam, dass man mich leider auch nicht verstanden hat, was anfangs oft zu großen Missverständnissen geführt hat. Mit der Zeit wurde es aber besser.

Was die Erwartungen angeht, war das ganz unterschiedlich. Bei manchen Dingen war es eigentlich genau so, wie man es erwartet hat – zum Beispiel, als ich gelandet bin und wir mit dem Auto in unser Projekt gefahren wurden, ist mir durch den Kopf gegangen: Ja, genau so habe ich mir das hier vorgestellt, was Landschaft, Straßen, Verkehr angeht. Dann wieder bei anderen Dingen, wie zum Beispiel dem Schulsystem, hatte ich etwas komplett anderes erwartet.

Es war gut, dass ich mir vor Indien ehrlich gesagt nicht viele Gedanken gemacht habe – allein aus dem Grund, dass ich dann meistens ziemliche Panik bekommen habe. Es war eher so, dass ich anfangs die Dinge nicht verstanden habe. Zum Beispiel, warum man eigentlich nur mit der linken Hand isst oder was das komische Kopfschütteln bedeutet. Das Beste war dann eigentlich immer, nachzufragen. Die Inder haben sich immer gefreut, etwas erklären zu können – und natürlich über mein Interesse an ihrer Kultur.

Blinder Klosterschüler in Indien
Blinder Klosterschüler in Indien

„Trotz Schulbildung haben Blinde es immer noch sehr schwer, eine Arbeit zu finden“

Janina: Wenn du die zwei intensivsten Erlebnisse auswählen müsstest, wovon dich eines positiv und eines negativ berührt hat, welche wären das?

Zoe:  Ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde: Ich saß nachmittags nach der Schule mit meinen Schülern auf dem Schulhof und wir unterhielten uns darüber, was sie einmal im Leben erreichen wollen.

Man muss dazu sagen, dass die blinden Kinder es nach einem Schulabgang ziemlich schwer haben. Sie haben dann zwar Bildung und manche haben eventuell auch die Möglichkeit, ein College oder eine Universität zu besuchen, doch trotz Schulbildung haben Blinde es immer noch sehr schwer, eine Arbeit zu finden. Deshalb müssen viele trotzdem zum Betteln auf die Straße und können sehr schwer ein selbstständiges Leben führen.

Ein Schüler sagte mir, er wolle Pilot werden. Da habe ich ihn gefragt, wie er das machen wolle, ohne Augenlicht – und er antwortete: Das weiß ich noch nicht, aber irgendwie werde ich es schaffen.

Mich haben der Mut und die Willensstärke von diesem 10-jährigen Kind so sehr beeindruckt. Und wer weiß – vielleicht gibt es ja eines Tages einen blinden Piloten aus Indien?

Ein anderes Erlebnis, dass mich sehr bewegt hat, hat ebenfalls mit einem Schüler zu tun. Dieses Kind kam von der Straße, ein Priester hatte es beim Betteln entdeckt und zu uns gebracht. Es war aber so, dass das Kind sich nie wirklich wohl bei uns gefühlt hat, und auch keinen Anschluss zu den anderen Kindern gefunden hat. Es hat sogar ein paarmal versucht, aus dem Fenster zu springen oder wegzulaufen. Als ich ihn fragte, warum er denn nicht hier sein wollte, sagte er, ihm habe es auf der Straße besser gefallen. Da hätte er wenigstens 70 Rupien pro Tag für sich gehabt. In den Ferien gehen die Kinder immer nach Hause und dieser Schüler verbrachte die Ferien bei dem Priester, der ihn zu uns gebracht hatte. Nach den Ferien kam er nicht mehr. Er hatte sich dazu entschieden, wieder zurück auf die Straße zu gehen.

Ich vergleiche oft beide Erlebnisse. Es ist komisch, dass sie sich so ähneln und ich sie als meine beiden intensivsten Erlebnisse ausgesucht habe. Beide Kinder sind ungefähr im selben Alter und haben eine so prägende Lebensentscheidung getroffen – aus einer Motivation heraus, die ich nie erfahren werde.

Auch die Jüngsten sind in Indien schon in die lokale Kultur eingebunden
Auch die Jüngsten sind in Indien schon in die lokale Kultur eingebunden

Janina: Wie kam es dazu, dass du dein Jahr in Indien nach der Hälfte der Zeit abgebrochen hast?

Zoe: Ich war die erste Freiwillige in meinem Projekt, was das Ganze ziemlich erschwert hat. Mein Projekt wurde von Nonnen geleitet, die keine Erfahrung mit der Zusammenarbeit mit Freiwilligen hatten – und meines Gefühls nach auch kein wirkliches Interesse. Dazu kam, dass ich alleine war und in meiner näheren Umgebung keine Freunde hatte. Ich durfte alleine nicht das Schulgelände verlassen. So konnte ich auch keine einheimischen Freunde finden.

Ich hatte außerdem keine richtige Arbeit und Aufgabe und wurde nicht wirklich in meinem Projekt gebraucht. Das führte dazu, dass ich mich oft unwillkommen gefühlt habe. Zu guter Letzt muss ich auch sagen, dass für mich das Leben im Kloster extrem schwer war. Alles hatte einen sehr geregelten Ablauf. Ich musste Gebetszeiten einhalten und hatte sehr wenig freie Zeit. Dadurch, dass die Schüler auch im Kloster gelebt haben, hatte ich auch keine Trennung zwischen Arbeit und Freizeit, was mir extrem schwer gefallen ist. Ich konnte mich im Kloster nicht einleben und wohlfühlen und habe auch im Klosterleben kein Anschluss gefunden. Ich war eine Respektperson für die Kinder, aber keine Nonne.

Ich habe eine Weile versucht, mir eine andere Wohnmöglichkeit zu suchen, als das Kloster – doch leider ohne Erfolg. Ich habe mich dann nach einer Weile entschieden, mein ganzes Jahr auf ein halbes zu verkürzen. Diese Entscheidung habe ich nie bereut.

 

Janina: Aus deinen Erzählungen weiß ich, dass du vor deiner Rückreise nach Deutschland noch herumgereist bist. Wie hast du das Land außerhalb der Schule wahrgenommen und welche Orte haben dich am meisten begeistert?

Zoe: Ich hatte eine Freundin, die mit derselben Organisation wie ich in Indien war, in einem Projekt, vier Stunden von mir entfernt. Zwei  Monate sind wir zusammen gereist.  Am meisten begeistert hat mich unser erster Stopp in Mumbai. Wenn man Assam mit Mumbai vergleicht, sind das Welten. Mumbai ist viel fortschrittlicher in vielen Dingen, und ich konnte kaum glauben, dass wir immer noch im selben Land sind. Wir sind total ausgerastet, als wir zum ersten Mal in 4 Monaten einen relativ normalen westlichen Supermarkt gesehen haben. Außerdem habe ich mich in Mumbai immer sehr frei gefühlt. Wir waren sehr selbstständig und alleine unterwegs, sogar nach Anbruch der Dunkelheit, und ich habe mich immer total sicher gefühlt. Anders als in Assam, wo ich nur tagsüber und mit Begleitung unterwegs war. Mumbai ist faszinierend, obwohl es total überfüllt und voller Leben ist.

Wie in ganz Indien, aber in Mumbai noch auffälliger, ist der Unterschied zwischen arm und reich. Mumbais Stadtzentrum ist wunderschön und die Architektur sehr pompös, jedoch findet man in Mumbai auch den größten Slum Asiens.

Eine weitere Stadt, die mich sehr fasziniert hat, war Varanasi. Sie liegt am Fluss Ganges, der heilige Fluss Indiens. Für die Hinduisten ist Varanasi eine heilige Stadt. Sie ist bekannt dafür, dass die Hinduisten dort die Toten verbrennen und sie danach im Ganges beisetzen. Ganz viele Hinduisten kommen auch nach Varanasi, um in dem heiligen Fluss zu baden, jedoch soll schon die alleinige Berührung mit dem Flusswasser gesundheitsschädlich sein. Obwohl ich Varanasi als die dreckigste Stadt in Erinnerung habe, und ich glaube ich noch nie so viele tote Menschen gesehen habe, konnte man dort super viel indische Kultur und Religion erleben. Wir haben bei der Totenverbrennung zugesehen und sind über den Ganges gerudert.

Fotoladen in Mumbai, Indien
Zoe und ihre Freundin vor einem Fotoladen in Mumbai, Indien

Janina: Letze Frage: Was nimmst du für dich mit aus deiner Zeit und wirst du nochmal nach Indien zurückkehren?

Zoe: Ich werde auf jeden Fall wieder nach Indien reisen, vielleicht erst in ein paar Jahren, um ein wenig Abstand zu meinem Aufenthalt dort zu gewinnen, und um die Dinge mit einer anderen Lebenserfahrung und aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Ob ich irgendwann nochmal mein Projekt besuchen werde, weiß ich noch nicht.

Ich habe in der Zeit super viel über mich selbst gelernt, und durfte die indische Kultur kennenlernen, wofür ich sehr dankbar bin. Ich nehme ganz viele Erinnerungen mit, die mein Leben geprägt haben, und die ich nie vergessen werde. (Leider) habe ich mir auch den indischen Akzent in meinem Englisch angewöhnt…

 

Janina Benz

Janina Benz

Janina Benz ist seit 2014 Digital Marketing Manager des Geschäftsbereichs Imaging Consumer bei Kodak Alaris. In dieser Funktion verantwortet sie die Themen Firmen-Website, Apps, Social Media und Influencer Relations.

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