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Interview mit Motorsport-Fotograf Werner Eisele: Die Kamera ist egal, nur der Moment ist wichtig!

17. Juli 2015 — by Janina Benz2

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James Hunt, Niki Lauda, Jimmy Clark, Jacky Ickx – Werner Eisele hatte sie alle vor der Linse. Der renommierteste Motorsport-Fotograf überhaupt und ehemalige KODAK-Mitarbeiter erzählt im Interview vom Zauber der Rennsport-Fotografie.

Alles fing an, als sich der damals 14-Jährige Werner Eisele von seinem Taschengeld ein Motorsport-Magazin kaufte. Von den Rennwagen, die er darin sah, war er vom ersten Moment an fasziniert. Kurze Zeit später fuhr der junge Stuttgarter nach Zuffenhausen ins PORSCHE-Stammwerk, um die Wagen mit eigenen Augen zu sehen. Unter dem Vorwand, seinem Onkel im Werk sein Vesper zu bringen, wurde er vom Wachmann hineingelassen und steuerte zielstrebig in das Gebäude mit den Rennwagen. Um die Boliden in voller Aktion sehen zu können, fuhr Werner Eisele sogar über 300 km mit dem Fahrrad bis zum Nürburgring! Diese Leidenschaft für den Rennsport behielt er sich als Fotograf über 50 Jahre lang bei. Wir haben mit Werner Eisele über seine bewegendsten Momente in der Formel 1 gesprochen und ihn nach seinem Geheimnis gefragt, was einen guten Motorsport-Fotografen ausmacht.

Herr Eisele, seit 1960 sind Sie fester Bestandteil der Formel 1 und haben Sich als Motorsport-Fotograf einen großen Namen gemacht. Was hat Sie damals dazu motiviert?

Ganz klar: Die Rennautos! Ich war fasziniert von den schnellen Wagen und den spannenden Wettkämpfen und wollte unbedingt hautnah dabei sein. Zum ersten Mal fotografiert habe ich 1960 beim Solitude Rennen und konnte mich dort sogar ins Fahrerlager schmuggeln. Bei diesem Rennen wurde dann Huschke von Hanstein – damals Rennleiter bei PORSCHE- auf mich aufmerksam und bot mir für meine ersten Fotos einen Sitzschirm. Später erhielt ich von ihm auch mein erstes Honorar: 100 D-Mark, das war damals viel Geld. Wenn ich heute übrigens gefragt werde, welche Rennautos mich besonders faszinieren, dann sage ich, dass in meinem Herzen die PORSCHE und FERRARI Rennwagen ihre Runden drehen – und dahinter kommt immer ein kleiner, roter ABARTH.

Nach über 50 Jahren als aktiver Motorsport-Fotograf, welche Momente und Personen sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Ein unvergesslicher und besonders tragischer Moment war der Unfall von Jimmy Clark, bei dem ich mitgeholfen habe, ihn aus dem Wagen zu heben. Erst später erfuhren wir, dass er den Unfall nicht überlebt hat. Aber auch an viele schöne Momente erinnere ich mich, etwa an meinen ersten und letzten Whiskey mit James Hunt oder an die unzähligen Siege meines engen Freundes Jacky Ickx. Ganz besonders war für mich, als meine Frau und ich 1964 in den Palast von Monte Carlo eingeladen wurden, wo ich das erste Portrait von Gracia Patrizia von Monaco schoss.

Fürstin Gracia Patrizia von Monaco und Fürst Rainier III. von Monaco bei der Preisverleihung am Grand Prix in Monte Carlo, 1964
Fürstin Gracia Patrizia von Monaco und Fürst Rainier III. von Monaco bei der Preisverleihung am Grand Prix in Monte Carlo, 1964

Ihre Bilder zeigen die charismatischen Fahrer und die goldene Zeit von damals. Hat sich heute viel im Rennsport verändert?

Es ist heute noch genauso spannend wie damals! Die starken Charaktere gibt es immer noch: Vettel zum Beispiel oder auch Hamilton sind echte Typen. Auch Rosberg ist ein wirklich netter Kerl. Doch heute ist das Verhältnis zwischen den Rennfahrern und Journalisten etwas kühler und es wird streng darauf geachtet, wie man sich äußert. James Hunt hat sich von niemandem etwas sagen lassen, der hat in der Box Bier getrunken und geraucht und ist anschließend wieder ins Training gegangen. Heute dürfen die Piloten nichts mehr sagen und müssen tun, was ihnen gesagt wird.

„James Hunt war ein echter Typ, der hat sich von niemandem etwas sagen lassen!“

Für ein gutes Foto im Rennsport ist nicht nur wichtig, wer vor, sondern auch wer hinter der Kamera steht. Was macht Ihrer Meinung nach einen guten Motorsport-Fotografen aus?

Er muss Mut haben, Ideen und vor allem Leidenschaft! Ich bin zum Beispiel immer dort weggegangen, wo viele Fotografen standen. Auch eines der besten Fotos in meinem Buch ist so entstanden: Ich wollte den Start am Nürburgring fotografieren, doch durch schlechtes Wetter hätte man die Wagen im Dunst gar nicht erkannt. Also habe ich mich als einziger Fotograf auf die Strecke hinter die Autos gestellt. In den Moment, als alle Wagen gestartet sind, bin ich in die Mitte der Piste gerannt, um nur eine Aufnahme zu machen – und diese war dafür einzigartig! Direkt danach haben mich zwei Polizisten von der Strecke gezerrt, aber das musste ich einfach riskieren.

24-Stunden-Rennen von Le Mans mit dem Siegerteam Hans Herrmann und Richard Attwood im Porsche 917, 1970
24-Stunden-Rennen von Le Mans mit dem Siegerteam Hans Herrmann und Richard Attwood im Porsche 917, 1970

Hat sich durch die technische Entwicklung und modernen Kameras viel für die Motorsport-Fotografen geändert?

Die Eigenschaften des Fotografen zählen nach wie vor, denn die Leidenschaft ist immer das wichtigste, um das Motiv zu erkennen. Eines hat sich jedoch sehr verändert: Bei der analogen Fotografie hatte man früher einen Schuss, heute machen die Fotografen 10 Bilder pro Sekunde! Ich denke, als Motorsport-Fotograf darf man sich von der Technik nicht vom Gespür für den Moment ablenken lassen, sondern sollte immer mit voller Konzentration arbeiten, als hätte man nur einen Schuss. Die Kamera ist egal, nur der Moment ist wichtig.

„Ein Motorsport-Fotograf muss Mut haben, Ideen und vor allem Leidenschaft!“

Wie fängt man den richten Moment als Motorsport-Fotograf ein? Haben Sie Tipps für gute Fotos?

Ich bin davon überzeugt, dass man spannungsvolle, dramaturgische Fotografie bei jedem Wetter und Licht machen kann. An der Rennstrecke habe ich gerne mit der Doppelbelichtungstechnik gearbeitet, immer mit künstlerischem Anspruch. Auch Mitzieh-Fotos, auf denen der Hintergrund mit den Zuschauern verwischt, aber die Autos scharf sind, schaffen eine gute Spannung. Für gute und ausdrucksvolle Portraits ist es wichtig, nie mit der Türe ins Haus zu fallen! Diese entstehen nur, wenn man den Rennfahrern mit viel Geduld begegnet.

„Früher hatte man nur einen Schuss, und der musste sitzen“ (Werner Eisele)
„Früher hatte man nur einen Schuss, und der musste sitzen“ (Werner Eisele)

Die Leidenschaft für die Fotografie liegt bei Ihnen wohl in der Familie! Wie führen Ihr Sohn und Ihr Enkel die Tradition weiter?

Mein Sohn Dino war schon als kleiner Junge zusammen mit der Familie auf den Rennstrecken in Monte Carlo und auf dem Nürburgring dabei, da habe ich ihn möglicherweise motiviert. Heute ist er auch Fotograf und hat sich auf die Werbe- und Automobil-Fotografie spezialisiert. In einem Teil meines Buches zeigt er seine Arbeit und mein Verleger beschreibt dazu, dass er anders fotografiert als ich. Ich bin wahnsinnig stolz auf seine Arbeit! Mein Enkelsohn studiert Grafikdesign und beweist mir jeden Tag, dass man wunderbare Fotos mit dem Smartphone machen kann. Das zeigt mir wieder, dass die Kamera egal ist, wichtig sind das gute Auge, die künstlerische Intuition und der richtige Moment.

„Es ist eigentlich egal ob Handy, Tablet oder Kamera, nur der richtige Moment ist wichtig für den perfekten Schuss.“

Trotz der großen Leidenschaft war ihre Arbeit als Motorsport-Fotograf nicht Ihre Hauptbeschäftigung. Tatsächlich sind Sie zur gleichen Zeit einem Vollzeitjob nachgegangen!

Das ist wahr, ich habe damals als Assistent im Fotolabor bei KODAK angefangen und nebenbei Fotograf gelernt. Später, als ich häufiger auf Rennen fotografiert habe, habe ich dann das Werbestudio von KODAK geleitet – 33 Jahre lang insgesamt. Doch diese beiden Tätigkeiten standen nie in Konkurrenz zueinander! Ich habe sogar Sonderurlaub bekommen, wenn Rennen anstanden. Unabhängig meiner Tätigkeit bei KODAK kann ich sagen, dass deren Filme für mich immer mit Abstand die besten waren.

Mittlerweile sind Sie im Ruhestand, publizieren aber erfolgreich Bildbände über den Zauber des Rennsports der alten Zeiten.

Die Leidenschaft für die Fotografie legt man eben nie ab und mit den Einnahmen der Bücher unterstützen meine Frau und ich karitative Zwecke. Wir engagieren uns seit vielen Jahren für Vereine und Stiftungen für krebskranke Kinder – das ist für uns einfach ein Herzenswunsch!

Rennsport-Fotograf Werner Eisele
Rennsport-Fotograf Werner Eisele

Werner Eisele präsentiert und signiert am 18. Juli 2015 auf dem Solitude Revival in Stuttgart sein aktuelles Buch „Motor Racing Photography“. In dem Buch erzählt er von seinen ganz persönlichen Erinnerungen an die goldene Zeit des Motorsports und zeigt atemberaubende Bilder von Rennen sowie charismatische Portraits der Fahrer-Legenden.

Bei der Abschlussfrage, ob er denn noch einen Wunsch hätte, musste Werner Eisele nicht lange überlegen: „Noch einmal mit meinem Rennfahrer-Freund Jacky Ickx 10 Runden im PORSCHE 936 in Le Mans drehen, das wäre schön“. Wir vom KODAK MOMENTS-Team bedanken uns recht herzlich bei Herrn Eisele für das tolle Interview und wünschen ihm und seiner Familie alles Gute!

Falls euch unserer Blogbeitrag „Interview mit Motorsport-Fotograf Werner Eisele: Die Kamera ist egal, nur der Moment ist wichtig!“ gefallen hat, könntet ihr euch auch für folgende Themen in unserem Foto-Blog interessieren:

Titelbild: Jacky Ickx, Pilot und enger Freund von Werner Eisele

Alle Fotos copyright by Werner Eisele

Janina Benz

Janina Benz

Janina Benz ist seit 2014 Digital Marketing Manager des Geschäftsbereichs Imaging Consumer bei Kodak Alaris. In dieser Funktion verantwortet sie die Themen Firmen-Website, Apps, Social Media und Influencer Relations.

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