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KLEINE STADTENTDECKER

5. Dezember 2014 — by Sophie Lüttich1

Stories

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„Wir fahren in eine Stadt, die genauso heißt, wie unsere Familie!“, hatte ich den Kindern erzählt, als ich unsere Reise durch Belgien plante. Vor mir auf dem Teppich lagen jede Menge Prospekte, Reiseführer und Karten. Belgien kannte ich bisher nur von der Durchreise nach Großbritannien und auch das war schon Jahre her. Dieses Vorhaben war für uns eine Premiere und mit einem Schulkind, einem Kindergartenkind und einem drei Monate alten Baby im Auto schon eine Herausforderung. Auf diese Idee brachte mich ausgerechnet mein Frauenarzt. „Frau Lüttich, waren Sie denn nun schon in Lüttich? Oder wollen sie erst einen Kleinbus voll kriegen, bevor es losgeht?“ Ich hatte vor gut drei Jahren bei unserer Hochzeit meinen Mädchennamen gegen den Familiennamen Lüttich eingetauscht.

Aber als mir mein Frauenarzt beim letzten Mal diese Frage stellte, sah es zumindest für die Besatzung eines Kleinbusses wirklich gut aus: Kind Nummer drei war auf dem Ultraschallbild zu sehen. Also behauptete ich ohne lange zu überlegen: “Na klar, der Besuch in Lüttich ist schon fest eingeplant. In den nächsten Sommerferien machen wir Urlaub in Belgien mit allen drei Kindern.”

GESAGT GETAN – ES GEHT NACH LÜTTICH

Über die Stadt Lüttich gibt es allerdings nur wenig Reiseliteratur, was daran liegt, dass diese Stadt auf den ersten Blick betrachtet wahrlich keine Schönheit ist, sondern eine Industriestadt, von der die meisten Leute wenn überhaupt nur den futuristisch anmutenden Bahnhof kennen.

Wir haben uns auf das Abenteuer eingelassen diese Stadt zu entdecken. Lüttich präsentiert sich dem Besucher nicht. Lüttich will entdeckt werden. Nach einer Fahrt mit der kleinen Bimmelbahn für Touristen hatten wir einen ersten positiven Eindruck gewonnen. Das war auch gut so, denn von der Autobahn kommend, sieht man viele Zeugnisse der Stahl- und Kohleindustrie und zahlreiche, hohe und wirklich hässliche Wohnblocks, die sich direkt bis ans Ufer der Maas drängen. Auf der Fahrt mit der Bimmelbahn waren alle drei Kinder eingeschlafen und nicht gerade bester Laune, als wir sie wieder weckten.

AUF ENTDECKUNGSREISE

Bei Lütticher Waffeln und einem frisch gepressten Saft ließen sich meine beiden ältesten aber dann doch zu einem Streifzug durch das Stadtzentrum überreden. Wir bogen mal hier und mal da ab, schlenderten durch die Fußgängerzonen und entdeckten die zauberhaften kleinen Gassen im historischen Zentrum von Lüttich. Erst am Ende unseres ersten Tages in Lüttich standen wir vor der berühmten Treppe von Lüttich, der Montagne de Bueren. Mit 373 Stufen ist sie selbst für Erwachsene kein Kinderspiel. Mein Mann machte sich mit unserer jüngsten Tochter im Kinderwagen auf den Rückweg zum Hotel und meine großen Stadtentdecker erklommen wild entschlossen die ersten Stufen dieser langen, steilen Treppe. Die vielen kleinen Häuser und Terrassengärten lenkten die beiden von ihrer Müdigkeit ab und viel schneller als wir dachten, waren wir oben angekommen. Ganz still setzten sich die beiden auf eine Stufe und ließen ihre Blicke schweifen.

Es war mein Sohn, der als Erster das Wort ergriff. „Mama, weißt du“, sagte er sinnierend. „Die haben das schon gut gemacht, die Lütticher. Nicht alle Leute können sich so was Schönes angucken. Nur die, die sich Mühe geben und bis ganz nach oben gehen.“

Und wer neugierig ist und sich auf Unbekanntes einlässt, wird seinen #kodakmoment erleben, kann ich da nur ergänzen.

Sophie Lüttich

Sophie Lüttich

Sophie Lüttich ist Marketingfachwirtin, bekennende Latte Macchiato Mutter und arbeitet hauptberuflich als Referentin für Öffentlichkeitsarbeit in einer Non-Profit Organisation, die sie aber lieber Social-Profit Organisation nennt. Auf BerlinFreckles.de bloggt die Mutter von drei Kindern über Lifestyle, Reisen mit Kindern und das Leben als Familie in der Großstadt.

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