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GERRY‘S VERPASSTER KODAK MOMENT.

17. September 2014 — by Michaela Simon0

Stories

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Paisley, Schottland: Es ist ein Abend wie jeder andere:

Der 16-jährige Gerry (später bekannt als Gerard Butler) kommt nach Hause zu seiner Mam und seinem Stiefvater. Er will sich gerade an den Abendbrottisch setzen, als sein Stiefvater ihn davon abhält. „Lass deine Jacke an“, sagt er. Du hast gleich noch eine Verabredung in der Stadt. Dein Vater will dich sehen.“

DER LEIBLICHE VATER

Gerry versteht nicht: Er hat seit 14 Jahren nichts von seinem Vater gehört. Aus gutem Grund: Der Mann ist tot. Das weiß er. Glaubt es zumindest zu wissen. Benommen fährt er zu dem Restaurant, das sein Stiefvater ihm genannt hat. Es ist voller Leute. Er kennt niemanden hier. Einer von den Männern, die hier sitzen, muss es sein. Wie im Nebel geht er von Tisch zu Tisch, er ist völlig überfordert, alles dreht sich – bis einer der Gäste aufsteht und ihn ansieht. Es ist sein Vater.

Für Gerard Butler ist dieses Wiedersehen ein Moment, der alles verändert hat: „Ich saß einfach nur da und starrte ihn an. Plötzlich brach es aus mir raus: ‚Warum hast du dich nie bei mir gemeldet?‘ Dann fing ich an zu heulen. Ich bin ein Typ, der nie eine Träne vergießt, aber in diesem Moment konnte ich nicht mehr aufhören, ich weinte ungefähr fünf Stunden lang.“

EIN HAPPY END… AUF ZEIT

Die beiden kommen sich nah. Sie verbringen viel Zeit miteinander. Edward, sein Vater, ist ein guter Typ, ziemlich verrückt, aber witzig und sehr klug. Gerry liebt Edwards schillernde Geschichten, obwohl er weiß, dass sein Vater vor allem ein Meister der Ausschmückung ist. Gerry studiert Jura in Glasgow, als sein Vater krank wird. Mit 22 sitzt er an Edwards Sterbebett. Bis zum Schluss macht Edward Witze oder versucht es zumindest.

Als Gerry seinen Vater zum zweiten Mal verliert, will er nicht mehr leben. Er trinkt bis zum Blackout, immer wieder, zerstört sein Leben und seine Karriere als Anwalt. „Ich habe getrunken wie ein Wahnsinniger. Es gab Situationen, für die ich mich heute furchtbar schäme.“ Irgendwann kommt er zu sich, es macht Klick und sein Leben als Schauspieler beginnt. Das überwältigende Wiedersehen mit seinem Vater und eine gewisse dunkle Traurigkeit begleiten ihn bis heute.

Das erste Treffen mit seinem Vater ist für den Mann, der später als Gerard Butler weltberühmt wird, der prägende Moment seines Lebens – dass es davon kein Foto gibt, ist für ihn ein großer Verlust. Schließlich wäre es ein Leichtes gewesen, eine Kamera mitzunehmen und dieses Erlebnis als #kodakmoment für immer festzuhalten.

Michaela Simon

Michaela Simon

Michaela Simon arbeitet als Journalistin in München; ihre Artikel erschienen unter anderem im SPIEGEL, beim ZEIT-Magazin und in der Cosmopolitan.

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