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MIT DEM MOKORO DURCHS WELTGRÖSSTE BINNENDELT

31. Oktober 2014 — by Christian Haas0

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Nirgendwo kann man die Stille der Wildnis so laut hören wie mitten im Okavango-Delta im Norden Botswanas, etwa bei einer Einbaumfahrt.

Und obwohl ich schon unglaublich ruhig dasitze, zischelt unser Guide Gturo ein „Psst!“ und „Ums Eck befindet sich ein größeres Tier!“. An anderer Stelle sind immer wieder weite Blicke in die sumpfige, mitunter mit Bäumen bestandene Landschaft möglich, hier jedoch herrscht Dickicht. Dann stößt Gturo die Holzstange ins hüfttiefe Wasser und schiebt unser Gefährt maximal leise um die Kurve, wo sich der Kanal zu einer Bucht weitet. An dessen Ende sehen wir es: ein Hippo, das sofort abtaucht, als es uns entdeckt. Wird es uns attackieren, weil wir es beim Mittagsbad gestört haben? Immerhin gehen auf das Flusspferd-Konto die meisten tödlichen Wildtierunfälle im südlichen Afrika. Doch das massige Tier stapft in einiger Entfernung friedvoll an Land und verschwindet.

UNTERWEGS IM GARTEN EDEN

Gturo nimmt wieder Fahrt auf, wobei man im Mokoro selbst bei Maximalgeschwindigkeit kaum schneller ist als zu Fuß. Wandern käme hier jedoch nicht in Frage – ständige Einsinkgefahr. Die Okavango-Seitenarme bilden ein riesiges Labyrinth aus engen, schilfbewachsenen Kanälen. Mit permanenten Überraschungen. Da, ein Warzenschwein! Dort ein Eisvogel! In der Ferne eine Herde Wasserbüffel! Und überall Seerosenteppiche! Einmal fahren wir durch Hunderte davon – ich fühl mich wie im Fantasyfilm, ein echter #kodakmoment.
„Gibt es auch Krokodile?“, muss ich wissen. „Hier nicht“, heißt es zur Antwort. Und: „Keine Angst!“ Die einzige Angst, die ich habe, ist, dass meine Speicherkarten nicht reichen, um all die sensationellen Motive einzufangen. Über 120 Säugetier-, 400 Vogel-, 60 Reptilien-, 70 Fisch- sowie 1.300 Pflanzenarten leben im mit rund 20.000 Quadratkilometern weltgrößten Binnendelta, in dem der Okavango-Fluss auf die Kalahari-Wüste trifft.
Als wir nach einer Weile vom Mokoro in ein Motorboot umsteigen, verlassen wir uns ganz auf den Gturos Kumpel. Der weiß zum Glück, welche Flusspassagen passierbar sind. Aufregend: Wir sehen keine anderen Boote, Stromleitungen, Straßen, Häuser. Es gibt sie weit und breit nicht. Stattdessen Lilien, Leberwurstbäume, schnaufende Flusspferde, Seeadler und viele bunte Vögel. Wir fahren immer tiefer hinein ins Delta-Herz. Bis wir nach zwei Stunden an einer Insel anlanden, wo man uns mit kühlen Getränken und einem freundlichen „Willkommen auf Gcadikwe Island!“ erwartet.

EINE NACHT IM HERZ DES DELTAS

Das Zeltcamp ist recht einfach. Idyllisch unter Bäumen und rot blühenden Feuerlilien gelegen, sind Ein- und Zweimann-Zelte verteilt, zum Teil mit „Busch-Dusche“ versehen, sprich einem aufgehängten Wassersack mit Dusch-Vorrichtung. Fließend Wasser und Strom existieren hier nicht, dafür Feldbetten in den Zelten. Trotz Moskitonetz krabbeln Insekten und größere Spinnen herum. Auch hier heißt die Devise „Keine Angst!“ Die Tierchen tun nichts. Und sind der Preis für echtes Abenteuer. Pool, Bar und Luxuszelte hatten wir die Tage davor, jetzt haben wir das Gefühl, nicht nur die einzigen Gäste auf der nur ein paar Hektar großen Insel, sondern mehr als hundert Kilometer von der nächsten menschlichen Siedlung entfernt zu sein. Nach dem über dem offenen Feuer zubereiteten Abendessen im Gemeinschaftszelt klingt der Abend am Lagerfeuer aus. Vom Fluss her hört man Frösche quaken, hier und dort ein unbekanntes Geräusch in der Nacht. Aber Angst hab ich keine. Eher ein nicht enden wollendes Lächeln auf den Lippen.

Christian Haas

Christian Haas

Christian Haas lebt als freier Reisejournalist in München. Seine Texte erscheinen u.a. in der Süddeutschen Zeitung, Abenteuer und Reisen und bei Merian.

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