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SCHLÜSSELERLEBNIS EINER HOLLYWOOD-LEGENDE

25. November 2014 — by Steffen Wulf0

Stories

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Kaum jemand kennt seinen Namen geschweige denn sein Gesicht, doch die Filme, zu denen Peter Viertel die Drehbücher schrieb, sind ewige Meisterwerke: „Entscheidung vor Morgengrauen“, „African Queen“, „Der alte Mann und das Meer“ sind nur einige davon. Befreundet mit Größen der Kino- und Literaturszene, darunter Ernest Hemingway und Orson Welles, gewährt mir der deutschstämmige US-Schriftsteller im Oktober 2007 – nur wenige Wochen vor seinem Tod – ein Interview, bei dem er anekdotenreiche Einblicke in sein bewegtes Leben gibt. Dabei erweist sich der damals 86-jährige Ehemann von Oscar-Preisträgerin Debora Kerr als glänzender Geschichtenerzähler, der mit hintergründigem Humor und ungebrochener Begeisterung eine längst verblasste Hollywood-Ära zu neuem Leben erweckt und nebenbei die späte Krönung seiner Karriere preisgibt.

ZERBROCHENE HOLLYWOOD-FREUNDSCHAFT ALS BESTSELLER

Als Sohn eines nach Kalifornien emigrierten Künstlerehepaars kommt Viertel bereits früh mit vielen Stars in Berührung. Marlene Dietrich, Charlie Chaplin und Greta Garbo zählen in den Dreißigern zu gern gesehenen Hausgästen. Im Alter von 19 Jahren veröffentlicht er seinen ersten Roman, gibt drei Jahre später sein Drehbuch-Debüt für Alfred Hitchcock. Dann begleitet Viertel 1951 den befreundeten Regisseur John Huston für ‚African Queen‘ nach Afrika. Doch Vorbereitungen und Dreh laufen aus dem Ruder, Huston schert sich weder um Film noch Crew, sondern nutzt seinen Aufenthalt im Belgisch-Kongo zur Großwildjagd. Sein unbändiger Drang, einen Elefanten zu töten – laut Huston „das majestätischste Tier auf Erde“ – raubt allen Beteiligten den letzten Nerv, gefährdet schließlich das Projekt. Selbst Viertel kann den selbstsüchtigen Regisseur nicht zähmen, seine Erlebnisse mit ihm verarbeitet der Autor in seinem 1953 entstandenen, semibiografischen Roman ‚Weißer Jäger, schwarzes Herz‘. „Das Buch schrieb sich wie von selbst – die schönste Erfahrung, die ein Schriftsteller machen kann“, sagt Viertel. Vor der Veröffentlichung holt er sich sogar den Segen Hustons ein: „Er war begeistert und meinte, es wäre das Beste, was ich je geschrieben hätte. Später haben viele Freunde auf Huston eingeredet, dass ich ihn mit dem Buch massakriert hätte.“

SPÄTER TRIUMPH MIT EASTWOOD-FILM

Viertels Roman – gespickt mit intelligent-kritischen Einblicken in die Filmindustrie – wird zum Erfolg, doch eine Verfilmung ist Hollywood trotz mehrerer Drehbuchüberarbeitungen zu heiß: „Jeder in der Branche wusste ja, wer mit dem rücksichtlosen Antihelden gemeint ist. Keiner traute sich an den Stoff ran – über 30 Jahre lang!“ Dann fällt das Skript Clint Eastwood in die Hände. Ausgerechnet Eastwood, der Kino-Macho schlechthin, zeigt Interesse an der Huston-Demontage, sieht zudem in vielen Zeilen des Buches seine eigene Philosophie übers Filmemachen vertreten: „Clint Eastwood ist schon immer lieber seinem Instinkt gefolgt als den Ansprüchen Hollywoods. Er macht Sachen, an die er glaubt, was eine sehr gute Charaktereigenschaft ist. Und da ihm die Idee des Stoffes gefiel, wollte er den Film drehen. Also kam er mit einem Privatflugzeug nach Marbella. Wir sind eine Nacht ausgegangen und haben geplaudert“, erzählt Viertel. Der Autor hätte zwar Jack Nicholson in der Hauptrolle lieber gesehen, „weil er das Boshafte und Sarkastische von Hustons Charakter besser verkörpert“, sagt aber auch: „Clint musste die Hauptrolle spielen, sonst wäre der Film nicht finanziert worden“.

Mit der Verfilmung von Viertels Schlüsselroman erfüllt Eastwood schließlich das große Herzensprojekt Peter Viertels, zollt ihm als Schriftsteller und Drehbuchautor gleichermaßen Tribut. Holt einen Mann ins Scheinwerferlicht zurück, der Hollywood eigentlich den Rücken gekehrt hatte. Einen Filmschaffenden, der stets im Schatten prominenter Weggefährten stand, darunter selbstsüchtiger Exzentriker und selbstzerstörerischer Egomanen. Und obwohl er nie etwas gegen dieses Dasein als stiller Beobachter einzuwenden hatte, freut Viertel sich ungemein, als ihm Eastwood mit der Adaption von ‚Weißer Jäger, schwarzes Herz‘ 1991 einen unsterblichen Platz in der Kinogeschichte einräumt. Das Foto mit dem Star-Regisseur am Set in Afrika hält die Erinnerung an diesen besonderen Augenblick, in dem Peter Viertels Hollywood-Traum endlich Realität wurde, für immer wach. Ein echter Kodak Moment.

Steffen Wulf

Steffen Wulf

Steffen Wulf ist Film-Journalist, führte Interviews mit Michael Caine, Christopher Lee, Bud Spencer und vielen anderen. Seine Star-Porträts, Set-Berichte und Kino-Reportagen sind in Fachzeitschriften wie GQ, Widescreen und Gong erschienen. Das Gespräch mit Robert Downey Jr. entstand 2008 für den TV-Sender Tele 5 anlässlich der Kinopremiere des ersten ‚Iron Man‘. Inzwischen sind alle drei Teile auf DVD/BluRay bei Concorde Home Entertainment erhältlich. ‚Avengers 2: Age of Ultron‘ läuft seit 23. April in den bundesdeutschen Kinos.

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