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SCHNORCHELN ZWISCHEN DEN KONTINENTEN

21. November 2014 — by Christian Haas1

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Wir müssen genau hinschauen, um es zu glauben -

Das Thermometer zeigt minus 19 Grad. Und das Gewässer, in dem wir schnorcheln wollen, ist mit zwei Grad auch nicht gerade whirlpoolverdächtig. Aber sehr berühmt. Es ist die Silfra-Spalte am Thingvellir-See – mitten in der isländischen Wildnis. Wegen ihres extrem klaren Wassers gilt dieser Wasserlauf als einer der besten Tauch- und Schnorchel-Spots der Welt. Im Sommer strömen hier nicht nur permanent Wassermengen durch den natürlichen Kanal, sondern auch Touristen. Im Winter hingegen ist kaum was los. Heute sind wir gar die einzigen. „Es ist der kälteste Tag, an dem wir das je gemacht haben“, sagen die Guides Max und Ian, die Trockenanzüge von M bis XXL bereit stellen, steifgefrorene Tauchanzüge mit warmem Wasser warm spülen und vor allem skeptische Teilnehmer überzeugen müssen. Letztlich willigen aber alle in das bizarre Vorhaben ein.

EIN MYSTISCHER ORT – AN LAND UND UNTER WASSER

Da im beheizten Van nicht für alle Platz ist, streifen manche in der selbst für isländische Verhältnisse eisigen Kälte Schneehose, Jacke und Pullover ab und hüpfen rasch in den XXL-Teddybärenanzug. Und schnell die nächste Schicht, der superenge Neoprenanzug. Dann watscheln wir wie behäbige Michelin-Männchen durch die niedrig bewachsene Schneelandschaft. Kurze Zeit später kommen wir am Einstieg, der durch eine stählerne Plattform erkennbar ist, an. Irre: In dem wie ein gewöhnlicher Bach aussehenden zwei bis maximal zehn Meter breiten Wasserlauf, der nach einigen Hundert Metern in den Thingvellir-See mündet, lässt sich „beobachten“, wie die Kontinentalplatten von Nordamerika und Eurasien bis zu zwei Zentimeter pro Jahr auseinandertriften. Das sorgt für eine mystische Stimmung. Die umweht die gesamte Umgebung. Nicht ohne Grund gründete man hier im Jahr 930 das Althing, das älteste bestehende Parlament der Welt.

INS BLAUE HINEIN

Jenseits aller Mystik: Die Sichtweiten unter Wasser sind enorm. Manchmal liegen sie sogar über 100 Meter! Für diese Klarheit gibt es zwei Gründe: 1. Das konstant kalte Schmelzwasser des rund 50 Kilometer entfernten Langjökull-Gletschers fließt 2. auch noch jahrelang durch filterndes Lavagestein, bevor es aus unterirdischen Quellen wieder hervorquillt. Das alles erklärt uns Ian, bevor wir ins Wasser gleiten, uns wie aufgeblasene Puppen treiben lassen und durch unsere Taucherbrillen nach unten gucken, wo verschiedene Blau- und Grüntöne für Begeisterung sorgen. Ein echter #kodakmoment. Einer, der 45 Minuten dauert. So lange treibt mich die langsame Strömung fast automatisch durch die verschiedenen Passagen. Mal ist es so seicht, dass man gerade so über die schroffen Lavafeldformationen gleitet, mal geht es bis zu 37 Meter in die Tiefe. Von Unterwasserdampf oder Rauch keine Spur, ebenso wenig von Fischen oder Pflanzen. Nur ein paar Algenteilchen schweben vorbei. Und irgendwann wartet der Ausstieg, kurz danach warme Kleidung im Wagen und ein adrenalingeschwängertes Glücksgefühl, das noch lange andauert. Mancher Mitschnorchler stellt jedoch immer noch die Sinnfrage, warum man ausgerechnet im Winter in so kaltes Wasser gestiegen ist. Doch dazu weiß Ian ein schlagkräftiges Argument: „Im Sommer ist es im vier Grad warmen Wasser auch nicht viel komfortabler. Heute waren die zwei Grad zumindest deutlich wärmer als draußen!“

Christian Haas

Christian Haas

Christian Haas lebt als freier Reisejournalist in München. Seine Texte erscheinen u.a. in der Süddeutschen Zeitung, Abenteuer und Reisen und bei Merian.

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