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TUNESISCHE FREUDENTRÄNEN

22. September 2014 — by Susanne Klingner0

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Einen Moment zuvor war es noch ganz still gewesen...

…im tunesischen Parlament, dann brach unter den Abgeordneten lauter Jubel aus. Manche hielten tunesische Flaggen hoch, andere tanzten, viele Frauen und Männer weinten und fielen sich begeistert in die Arme. Übergangspräsident Moncef Marzouki küsste einen Stapel Papier und machte mit seiner Hand das Siegeszeichen. Dieser Stapel Papier war der Grund für die Begeisterung der Abgeordneten: Gerade hatten sie ihrem Land eine neue, eine demokratische Verfassung gegeben. Das Bild zeigt einige Frauen des Parlaments, die sich erleichtert und befreit in die Arme fallen – ein echter #kodakmoment für ganz Tunesien.

GLEICHBERECHTIGUNG ALS VERFASSUNGSZIEL

Am 28. Januar 2014 stimmten 200 von 216 tunesischen Abgeordneten für den Entwurf, um den sie nach der tunesischen Revolution von 2011 mehr als zwei Jahre lang gestritten und gerungen hatten. Am Ende bekam Tunesien die fortschrittlichste Verfassung im gesamten arabischen Raum: Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern ist darin festgeschrieben, auch der nachhaltige Umgang mit natürlichen Ressourcen. Die Regierung und ihre Verwaltung müssen ihre Arbeit dem Volk offenlegen, der Staat muss Glaubens- und Gewissensfreiheit garantieren.

Die tunesische Verfassung ist auch deshalb sensationell modern, weil zwar der Islam die Religion des Staates ist, aber das islamische Recht keine Rolle spielt. In fast allen arabischen Ländern dagegen ist die Scharia oder zumindest deren Prinzipien Grundlage der Rechtsprechung.

ERLEICHTERUNG NACH SCHWIERIGEN VERHANDLUNGEN

Die Abgeordneten waren so erleichtert und glücklich über die neue Verfassung, weil es während der zwei Jahre, in denen sie über Formulierungen und Paragraphen verhandelt hatten, immer wieder so aussah, als käme kein Kompromiss zustande. Im Februar und Juli 2013 wurden sogar zwei linke Oppositionspolitiker ermordet, salafistische Gruppen hatten linke Politiker immer wieder zu „Feinden des Islams“ erklärt, die den Tod verdient hätten. Die Situation schien zu eskalieren, Hunderttausende Tunesier demonstrierten gegen die regierende islamistische Nahda-Partei. Glücklicherweise reagierte diese nicht mit Härte, sondern suchte mit der Opposition nach einem Kompromiss.

Vor allem für die Frauen im Land hat sich dieser lange Kampf, haben sich die vielen Demonstrationen gelohnt. Während der Einfluss konservativer Islamisten in anderen arabischen Ländern wieder wächst und Frauenrechte eingeschränkt werden, gibt es in Tunesien in Zukunft nicht nur die festgeschriebene Gleichberechtigung, sondern sogar eine 50-Prozent-Quote für alle gewählten Versammlungen. Die Mitbestimmung der Frauen an der Verfassung ist also erst der Anfang, in Zukunft werden sie das Land mitgestalte

Susanne Klingner

Susanne Klingner

Susanne Klingner lebt als freie Journalistin in München. Ihre Texte erschienen u.a. in der Süddeutschen Zeitung, der ZEIT und der Taz. Der Beitrag spiegelt die Meinung des Verfassers und nicht die des Unternehmens Kodak Alaris wieder.

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