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Was nach dem Erdbeben auf Haiti geschah… mit der Schauspielerin Judith Hoersch im Krisengebiet.

16. Juni 2015 — by Christine Dohler1

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Fast eine Woche lang verbrachte Judith Hoersch auf Haiti und erlebte hautnah, wie sie sich wirklich von dem Schicksal der Menschen berühren ließ. Ihre bewegende Geschichte berührt auch uns.

Als am 12. Januar 2010 auf Haiti die Erde bebte, stürzte das Land in eine Krise. Zwei Jahre später reiste die Schauspielerin Judith Hoersch für eine Woche durch das Land, um sich einen Eindruck davon zu verschaffen, wie es den Menschen wirklich geht und was schon alles mit den Spenden erreicht wurde. Die Realität: Nicht alle Menschen haben wieder ein festes Dach über dem Kopf. Es ist kaum zu glauben, dass die provisorischen Unterkünfte für viele Menschen auf Haiti eine Dauerlösung wurde. Judith Hoersch wirkt zunächst etwas unsicher. „Ist es okay, hier einfach so in das Zeltlager zu marschieren?“ Doch dann läuft sie durch die engen Gassen des Camps in Carrefour nahe der Hauptstadt Port-au-Prince zwischen den ärmlichen Notunterkünften und grüßt jeden Bewohner freundlich mit einem „Bonjour!“.

Die Kinder starren mich an und hoffen, ich bringe gute Nachrichten.“

Sie beugt sich zu einer Gruppe Kinder, reicht ihnen die Hand. Das ist in diesem Moment alles, was sie tun kann. „Die Kinder starren mich an und hoffen, ich bringe gute Nachrichten. Alle sind sehr freundlich“, sagt sie. Eine Fotografin lichtet den Augenblick der Begegnung ab. Nicht damit die Schauspielerin aus Berlin gut in Szene gesetzt wird – sondern damit dieses Bild Aufmerksamkeit erregt und Spenden bei der Hilfsorganisation Care (www.care.de) eingehen, für die Judith Hoersch prominente Botschafterin ist. Als dieser #kodakmoment entstand, berichtete kaum jemand mehr über Haiti.

Haiti 2010:

  • 35 Sekunden lang bebte am 12. Januar 2010 mit der Stärke 7 die Erde auf Haiti.
  • Mehr als 200.000 Menschen starben, 1,5 Millionen Obdachlose suchten in 1.500 Lagern Schutz.
  • Mehr als 650.000 Menschen erkrankten an Cholera, mehr als 8300 starben an der Krankheit.
  • Es entstand ein wirtschaftlicher Schaden von 5,4 Milliarden Euro.

Die Angst auf Haiti ist groß, die Hoffnungslosigkeit überall spürbar.“

Auch noch Jahre nach dem Erdbeben sind nicht alle Häuser wieder aufgebaut. Es sieht vielerorts so aus, als sei die Katastrophe gerade erst passiert. © CARE/Evelyn Hockstein.
Auch noch Jahre nach dem Erdbeben sind nicht alle Häuser wieder aufgebaut. Es sieht vielerorts so aus, als sei die Katastrophe gerade erst passiert. © CARE/Evelyn Hockstein.

Überall hocken die Menschen vor den Planen. Judith erzählt: „Die Angst ist groß, die Hoffnungslosigkeit überall spürbar.“ Eine Frau erzählt der deutschen Schauspielerin, dass sie seit dem Beben hier mit ihren Kindern lebt. Sie glaubt nicht, dass sie jemals hier wieder rauskommt. „Was kann man da sagen? Ich wünsche ihr viel Glück und bin sicher, dass auch ihr bald geholfen wird“, so Judith. Eine andere Frau namens Jesula erzählt, dass sie nachts immer aufstehen muss, wenn es in der Nacht mal wieder regnet und das Wasser aus dem Zelt schaufeln muss, damit ihre Kinder im Trockenen liegen. Der steinige Lehmboden gehört nicht ihr, nicht mal die Plane. Sicherheit gibt es kaum.

„Es fühlt sich hier so an, als wäre das Unglück gerade passiert, die Zeit einfach stehen geblieben.“

Es fühlt sich hier so an, als wäre das Unglück gerade passiert, die Zeit einfach stehen geblieben. „Ich bin einfach nicht mehr ich selber, habe zehn Kilo abgenommen und mein Herz schmerzt merkwürdig“, sagt Jesula. Sie war vor der Katastrophe nicht reich, aber hatte wenigstens ihr eigenes Dach über dem Kopf.
Auf der Reise durch das Land machte Judith Hoersch viele solcher Begegnungen. Ohne Berührungsängste, ohne Sonderstatus. Dabei wird sich auch zeigen, was mittlerweile auch schon in dem Land passiert ist: Schulen wurden wieder aufgebaut, Frauen haben sich in Kleinspargruppen organisiert, Bürger-Initiativen kämpfen gegen Gewalt, Menschen ziehen wieder in ihre aufgebauten Häuser und Brunnensysteme sorgen für frisches Wasser.

Auch noch Jahre nach dem Erdbeben sind nicht alle Häuser wieder aufgebaut. Es sieht vielerorts so aus, als sei die Katastrophe gerade erst passiert. © CARE/Evelyn Hockstein.
Auch noch Jahre nach dem Erdbeben sind nicht alle Häuser wieder aufgebaut. Es sieht vielerorts so aus, als sei die Katastrophe gerade erst passiert. © CARE/Evelyn Hockstein.

Manchmal heißt es: Prominente werden nur in Krisengebiete geflogen, um sich kurz öffentlichkeitswirksam zu präsentieren und rauschen dann in ein Luxushotel ab oder gleich wieder mit dem Privatjet in Sicherheit. Nicht die deutsche Schauspielerin. Gemeinsam mit Journalisten und Mitarbeitern von „Care“ stellte sie sich jeder Situation und war in vielen Momenten sichtlich gerührt. Als wir durch die wieder frei geräumten Straßen der Hauptstadt Port-au- Prince fuhren, sah man eingefallene Steinhäuser, Schweine, die in Müllbergen wühlen und der eingestürzte Präsidentenpalast schaute beinahe immer noch so aus wie eine Filmkulisse eines Endzeitfilms – wie auf den ersten Fotos vom Beben, die um die Welt gingen. „Kaum vorstellbar, dass so ein riesiges Gebäude einstürzt wie ein Papphaus. Der Anblick ist zerstörend“, sagt Judith. Wir fahren weiter zur eingefallenen Kathedrale. „Obwohl ich nicht katholisch bin und ich keinen sonderlichen Bezug zu Kirchen habe, erschüttert mich dieses Bild ganz tief in mir drin“, sagte Judith Hoersch damals. Kurz bevor die Fahrt weiter geht, läuft eine Frau mit Baby auf die Deutsche zu und bettelt. Später erzählt sie, wie sehr sie auch dieser Moment bewegte. „Ich bin hier als eine von Care und logischerweise kann man als Hilfsorganisation keinen Leuten mal eben so Geld zu stecken. Das bringt auf lange Sicht auch nichts. Aber dennoch, alles in mir drin will und möchte und ich denke darüber nach was diese paar Gourdes für die Frau bedeuten würden und was sie für mich bedeuten“, erzählt sie.

„Ich schäme mich für mein Weinen und ich ärgere mich über meine Hilflosigkeit.“

Im Auto muss sie schließlich weinen. „Ich schäme mich für mein Weinen und ich ärgere mich über meine Hilflosigkeit“, sagte sie. Dabei hat sie nicht nur betroffen von Berlin aus die Nachrichten verfolgt, sondern sich eingesetzt, dass die Menschen und das Erdbeben nicht in Vergessenheit gerät – und eines Tages alle wieder ein Dach über dem Kopf haben.

Haiti 2015:

  • Rund 70.000 Menschen sind noch auf Grund des Erdbebens obdachlos.
  • Haiti zählt zu den ärmsten Ländern der Erde, geschätzte 78 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze.
  • Obwohl die Ansteckungsrate deutlich zurück gegangen ist, kämpft Haiti immer noch mit einer der größten Choleraepidemien weltweit.

Weiterführende Links:

http://www.port-au-prince.diplo.de/ (Deutsche Botschaft Haiti)

http://www.spiegel.de/thema/erdbeben_in_haiti_2010/ (Spiegel Online Themenseite)

www.care.de (Hilfsorganisation Care)


Zu Judith Hoersch:

Judith Hoersch ist Schauspielerin, Sängerin und Synchronsprecherin. Nach Engagements an verschiedenen Bühnen, war sie in den letzten Jahren vor allem im TV zu sehen, u.a. im Tatort und SOKO.

 

 

Christine Dohler

Christine Dohler

Christine Dohler arbeitet als freie Autorin in Hamburg. Sie berichtet in ihren Reportagen über Menschen und ferne Länder. Im Jahr 2012 begleitete sie Judith Hoersch bei ihrer Reise nach Haiti für die Zeitschrift GRAZIA. Fast eine Woche lang verbrachte sie mit der Schauspielerin und konnte hautnah beobachten, wie sie sich wirklich von dem Schicksal der Menschen berühren ließ.

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